PLATZ 57 (P.3)

|Birgit Erath

Portobello Road · London

Platz 57

Wie eine alleinerziehende Mutter aus Waldmössingen mit einem Tapeziertisch, zwei Körbchen und handbeschrifteten Tüten auf einen der berühmtesten Märkte Londons kam – und wieder zurück.

Birgit Erath mit ihrem kleinen Sohn auf dem Arm, stehend in der Tür des gelben Ladens.
Birgit mit ihrem Sohn, in der Tür des gelben Ladens.

Um vier war die Küche noch warm vom Vorabend. Auf dem Tisch standen die Beutel, fertig gepackt seit halb zwölf, nach Farben sortiert. Jeder einzeln abgefüllt, jeder von Hand beschriftet, jeder ein Unikat. 75 Grams Tandoori Masala – £1.75

Kein Beutel sah aus wie der andere, weil keiner wie der andere entstanden war.

Daneben der Kassettenrekorder. Die Vorlesung vom Dienstag war halb durchgelaufen – sie hatte beim Abfüllen den Faden verloren und beschlossen, den Rest auf der Rückfahrt zu hören.

Ihr kleiner Sohn Philip schlief quer, ein Fuß außerhalb der Decke, wie immer. Sie legte den Fuß zurück und blieb einen Moment stehen. Nebenan schlief das Au-pair-Mädchen, das in ein paar Stunden mit ihm aufstehen würde. Birgit zog leise die Tür zu.

Die Straßen gehörten um diese Zeit den Nachtbussen und den Männern mit Kisten und Marktschirmen. Ihre Sachen trug sie selbst: den riesigen Sack über der Schulter, voll mit Beuteln, in der anderen Hand ein paar Körbe, den Tapeziertisch unter dem Arm, das Holz unten schon aufgequollen vom Winter.

Vor dem Market Office an der Portobello Road standen die anderen schon, Dampf vor dem Mund, Hände in den Taschen. Kein fester Platz, nur die Anmeldeliste und das Warten. Wer nicht erschien, verlor seinen Platz für diesen Tag – und verlost wurde er unter denen, die in der Schlange standen.

Auf der Liste stand sie als The Pepper Shop.

An diesem Morgen war der Bäcker nicht gekommen.

Es dauerte keine zwei Minuten, bis es alle wussten. Der Bäcker hatte einen der besten Plätze der Straße, seit Jahren, und der Bäcker fehlte nie. Er war schwer krank geworden und würde für längere Zeit ausfallen.

In der Schlange wurde es unruhig. Man rechnete, wer vor einem stand, man rechnete, wie viele Namen noch kamen, man rechnete sich Chancen aus, die man selten hatte.

Dreißig Leute, die alle dasselbe dachten.

Die Auslosung fing an.

Dann fiel ihr Name.

Sie brauchte einen Moment, bis sie begriff, was das hieß. Sie hatte nichts dazu beigetragen, sie hatte nur dagestanden – aber die Blicke der anderen Beschicker im Rücken sagten ihr genau, was gerade passiert war.

Sie nahm ihren Zettel und ging zu Platz 57.

Einer der besten Plätze auf der ganzen Portobello Road.

Sie konnte ihr Glück nicht fassen.

Links Keith, rechts Barry. Beide Obstverkäufer, beide Dauerbeschicker mit festem Platz seit Jahren. Um halb acht der erste Preis, um acht der erste Konter, und um neun schrien sich die beiden über ihren Kopf hinweg Erdbeerpreise zu, dass die Tauben aufflogen.

Und Birgit mittendrin.

Er lag an einer Kreuzung, die Leute strömten aus allen vier Richtungen herein. An diesem Platz kam praktisch niemand vorbei, ohne ihren Stand zu sehen.

Sie kamen wegen der beiden Schreihälse, wegen des Theaters, wegen der Straße selbst: voll, bunt, laut, Stand an Stand an Stand, so weit man schauen konnte, dazu Londons größter Antiquitätenmarkt. So etwas gab es damals kein zweites Mal in London. Wer samstags etwas erleben wollte, ging auf die Portobello Road.

Und dann standen sie vor einem Tapeziertisch mit kleinen Tüten und fragten, was das denn sei.

Sie erklärte. Den ganzen Vormittag lang erklärte sie. Was in die Suppe gehört und was ans Lamm. Was die Oma gegen Husten genommen hätte. Was genau in ihrem Bratkartoffelgewürz sei. Den Unterschied zwischen Caraway und Cumin – und dass zwischen ihnen Welten liegen. Wenn jemand fragte, woher sie das alles wisse, sagte sie: von daheim. The Black Forest.

In ihrem Kopf, den ganzen Tag: ihr Sohn. Philip. Ob er ordentlich gefrühstückt hatte. Ob er sein Bild fertig gemalt hatte. Was sie ihm mitbringen könnte, wenn es ein guter Tag würde.

Mittags war das erste Körbchen leer. Eine Frau kaufte drei Tüten auf einmal, weil ihre Schwester nächste Woche Geburtstag hatte. Ein alter Herr nahm das Bratkartoffelgewürz, roch daran und sagte nichts, aber sein Gesicht sagte etwas, und das reichte ihr.

Um halb vier ging die letzte Tüte Tandoori über den Tisch.

Restlos ausverkauft.

Sie zählte nicht am Stand. Das machte man nicht. Sie klappte den Tisch zusammen. Der Rücken tat weh, die Finger rochen nach Paprika – und das würden sie noch eine Weile, dachte sie auf dem Nachhauseweg.

Morgen, Sonntag, war Camden. Montag Wembley. Dienstag Uni – da stand ab sechs jemand anderes am Stand. Mittwochs abfüllen, donnerstags Southall, die Säcke die Treppe hoch. Freitags etikettieren, bis die Schrift krakelig wurde. Irgendwo dazwischen kochen, waschen, ein Kind ins Bett bringen, eine halbe Vorlesung nachhören.

Wenn man sie gefragt hätte, wie sie das alles schaffte, hätte sie die Frage nicht ganz verstanden.

Später, zu Hause angekommen, als Philip längst schlief, saß sie am Küchentisch. Neue Tüten, neue Etiketten, der Kassettenrekorder lief, sie spulte zurück, bis sie die Stelle fand, an der sie den Faden verloren hatte.

Sein Bild, das er ihr hingelegt hatte, hängte sie an den Kühlschrank, bevor sie das Licht ausmachte.

Der Wecker stand auf halb fünf. Camden fing früh an.

Das gelbe Schild des Camden Market über einer dichten Menschenmenge in einer Marktstraße.
Camden, sonntags.
Marktstand voller weißer Spitzenkleider und aufgespannter Sonnenschirme, dazwischen sitzt eine Frau.
Londoner Markttage.

Aus dem einen Samstag wurden Wochen, aus den Wochen Monate, aus den Monaten Jahre. Die Stammkunden kannten sie inzwischen beim Namen, und wer den Namen nicht kannte, kannte den Tisch mit den kleinen Tüten.

Angemeldet war sie als Potpourri. Also: Duftmischungen verkaufen.

Den Tipp hatte ihr jemand gegeben, als sie anfing, und sie hatte nicht lange darüber nachgedacht. Es funktionierte. Jahrelang.

Bis zu dem Morgen, an dem ihr Name nicht fiel.

Sie stand in der Schlange wie immer, den Sack über der Schulter. Die Namen fielen, einer nach dem anderen, erst die guten Plätze, dann die schlechten. Ihrer kam nicht. Stattdessen winkte man sie ans Fenster.

Ihre Verkaufserlaubnis für die Portobello Road sei auf Potpourri ausgestellt, erklärte man ihr. Auf Duftmischungen, nicht auf Lebensmittel. Was sie da verkaufe, sei zum Kochen bestimmt – und damit von ihrer bisherigen Erlaubnis nicht gedeckt.

Sie fragte, wie man die richtige bekomme. Der Mann am Fenster gab ihr zu verstehen, dass sie darauf kaum hoffen müsse. Die Warteliste für den Verkauf von Lebensmitteln, sagte er, messe man auf der Portobello Road nicht in Monaten, sondern in Jahrzehnten.

Sie packte an diesem Morgen gar nicht erst aus. Was sie sich Samstag für Samstag aufgebaut hatte, war an einem Vormittag erst einmal vorbei.

Gesperrt war ihr damit nur die Portobello Road. London hatte andere Märkte, jeden mit eigenen Zuständigkeiten und eigenen Regeln. Also klapperte sie sie ab.

An der North End Road in Fulham bekam sie die Erlaubnis. Ein paar Wochen später stand sie dort mit Sack, Körben und Tapeziertisch.

Fulham machte es ihr nicht leicht. Der Markt war kleiner, das Geld auch, und für eine Deutsche interessierte sich hier erst einmal niemand.

Beim Aufbau wurde um Zentimeter gekämpft. Man vergaß sie beim Durchzählen. Man schob ihr den Tisch weg. Man baute den eigenen Stand so weit vor, dass von der Straße aus niemand mehr sah, dass sie überhaupt da war.

Böse gemeint war das vermutlich nicht. Es war einfach niemandem wichtig.

Sie kam trotzdem. Nicht einmal die Woche, sondern fast jeden Tag. Und mit jedem Tag kannte sie mehr Leute.

Dann kamen die Frauen.

Sie stellten sich vor ihren Tisch, zu zweit, zu dritt, Einkaufstasche am Arm, probierten die Mischungen und schüttelten den Kopf. Mit einem Blick von der Seite, gegen den jede waschechte Diva freundlich und bestens ansprechbar wirkte.

„That’s not right, darling.“

Und dann erklärten sie es ihr. Geduldig, Tag für Tag. Kundschaft aus Jamaika, Grenada, St. Lucia, Dominica und Trinidad brachte ihr bei, wovon sie keine Ahnung hatte: Pimento (Allspice), Sorrel, Hibiskus, Scotch Bonnet, Thymian, Muskatblüte, Ingwer – und die Rezepte dazu, seit Generationen weitergegeben. Sie ließen nicht locker, bis es stimmte, und Birgit ließ nicht locker, bis sie es konnte.

An diesen Tagen in Fulham sind die Mischungen entstanden, die man heute kennt. Das Jamaikanische Curry. Das Karibische Fischgewürz. Der Karibische Alleskönner. Und mit ihnen die Grundgewürze und Kräuter, die nach und nach den Hauptbestandteil ihres Sortiments bildeten – für Jahrzehnte.

Aber dabei blieb es nicht.

Die Leute fragten nach Dingen, die sie nicht hatte. Muskatnüsse mit Schale. Bestimmte Pfefferbeeren, nicht irgendwelche, sondern genau die. Chilis mit Namen, die sie noch nie gehört hatte. Eine fragte sogar grinsend nach einem harten Holz, das einem Mann angeblich auf die Sprünge helfen sollte.

Sie sagte, sie habe es nicht. Sie sagte, sie schaue mal.

Es half nichts. Sie wurde in der Woche darauf wieder gefragt, und in der Woche darauf – bis sie nachgab.

Also fing sie an zu suchen. Auf jeder Busfahrt, auf jedem Weg, in jedem Laden, an dem sie ohnehin vorbeikam – sie hielt die Augen offen, fragte sich durch, verfolgte Ware zurück bis zu dem, der sie tatsächlich einführte. Und nie einfach nur die Zutat, immer die beste Variante davon.

So tauchte die Frau mit dem Bratkartoffelgewürz – aufgewachsen in einem winzigen Dorf namens Waldmössingen im Schwarzwald – in mehrere Welten gleichzeitig ein.

Und sie war süchtig danach.

Je tiefer sie in diese Welten hineinkam, desto klarer wurde: Ein Klapptisch würde dafür nicht mehr reichen.

Sie brauchte Regale. Sie brauchte Platz. Sie brauchte eine Adresse.

Also legte sie zurück, was ging.

Es dauerte Jahre. Ein Markttag hier, ein Markttag da, jede Woche etwas in die Dose, und in den schlechten Wochen kam auch mal wieder etwas heraus. Aber sie wusste, wofür. Und wo.

Auf der Portobello Road. Da, wo sie nicht mehr stehen durfte.

Sie ging trotzdem hin, bei jeder Gelegenheit. Sie konnte die Straße nicht hinuntergehen, ohne dass Beschicker und Ladenbesitzer sie erkannten und ihr quer über die Fahrbahn etwas zuriefen. Und aus genau diesen Gesprächen wusste sie, welcher Laden gut lief, welcher sich hielt und welcher schon länger nicht mehr aufgemacht hatte.

Und irgendwann gab der alte Uhrmacher auf. Watchmaker & Jeweller stand noch über der Tür, aber im Schaufenster lag nur noch Gerümpel, und an der Scheibe hing ein Zettel. Die Fassade strahlend gelb, dasselbe Gelb wie manche ihrer Currymischungen.

Ladenfront im gelben Eckhaus mit rotem Schild „Watchmaker & Jeweller“ über der Tür.
Der alte Uhrmacherladen, kurz bevor sie unterschrieb.
Leerstehendes Schaufenster mit abgeblättertem gelbem Anstrich, dahinter Gerümpel, davor ein Fahrrad.
Leer bis auf Gerümpel: das Schaufenster vor dem Umbau.

Sie konnte nicht ahnen, dass dieses gelbe Haus einmal das Fundament von allem sein würde, was danach kam.

Birgit stand ein paar Mal davor, bevor sie überhaupt fragte. Sie rechnete, was die Miete kostete und was ein Monat einbrachte, und rechnete es noch einmal, weil das Ergebnis knapp war. Alleinerziehend, mit einem Studium im Rücken und Ersparnissen, die auf genau diesen einen Moment hin zusammengekratzt worden waren.

Dann unterschrieb sie.

Ein eigener Laden. In der Straße, aus der man sie hinausgeworfen hatte.

Drinnen roch es nach Staub und stehengebliebener Zeit. Das würde sich sehr schnell ändern.

Aus dem Pepper Shop wurde The Spice Shop. Ein gelber Laden, direkt an der Ecke einer Kreuzung, mitten auf der Portobello Road.

Besser ging es nicht.

Ladenfront mit großer gelber Markise, darauf in roten Buchstaben „The Spice Shop“; davor ein Verkaufstisch und zwei Passanten.
The Spice Shop, Blenheim Crescent, Ecke Portobello Road.

Mit dem Laden hatte sie feste Räume, eine eigene Geschäftsadresse und einen nachvollziehbaren Ort, an dem sie lagerte, mischte und abpackte. Ihr Geschäft bestand nicht mehr aus einer Frau, einem Sack und einem Klapptisch. Sie konnte belegen, was sie tat und wo sie es tat.

Auf der Portobello Road verkaufen durfte sie damit trotzdem noch nicht. Der Laden und die Erlaubnis für einen Marktstand waren zwei verschiedene Dinge.

Also ging sie auch diese Erlaubnis noch einmal an.

Die Jahrzehnte hatten ihr von Anfang an nicht eingeleuchtet. Sie hatte ihr Studium inzwischen abgeschlossen und wusste, wie man einen Sachverhalt auseinandernimmt – und dieser hier hielt keiner einzigen Nachfrage stand. Die Jahrzehnte waren kein Gesetz. Sie waren eine Auskunft an einem Fenster, gegeben von einem Mann, der Feierabend haben wollte.

Birgit hatte gelernt, dass die meisten Menschen weitergeben, was sie irgendwann einmal gehört haben, ohne es je selbst überprüft zu haben. Und dass sie vor allem denjenigen loswerden wollen, der gerade vor ihnen steht – erst recht, wenn das damals eine Deutsche war und dann auch noch eine Frau.

Sie war schwer loszuwerden.

Sie fragte sich durch, von Amt zu Amt, von Stelle zu Stelle, bis sie herausfand, wer die Sache tatsächlich entschied. Sie brachte Unterlagen, dann die nächsten, legte die Adresse ihres Ladens bei. Sie meldete sich wieder, wenn sich niemand meldete, und wenn das nichts half, stand sie eben persönlich da. Sie konnte sich ein Nein nicht leisten, also nahm sie keins an.

Es dauerte. Aber irgendwann hatte sie die Erlaubnis in der Hand.

Sie durfte zurück auf ihren Markt.

Und sie brauchte ihn auch. Der Laden war noch niemandem ein Begriff, musste erst renoviert und eingerichtet werden, und diente in der Zwischenzeit vor allem als Werkstatt: lagern, abwiegen, abpacken. Das Geld kam nach wie vor vom Markt.

Birgit Erath im Ladeninneren, in der Hand ein langer Strang getrockneter Chilis; darüber hängen Lorbeerzweige und Knoblauchzöpfe, links Regale mit gelben Schildern.
Im Laden: Lorbeer, Chilis und die gelben Schilder.

Ihr alter Platz zwischen Keith und Barry war wieder fest vergeben – der Bäcker war zurückgekommen.

Das hieß: wieder anstehen, ohne Garantie. Wieder morgens in der Schlange, wieder warten, ob ihr Name fällt, wieder hoffen, dass irgendwo einer nicht kommt. Und vor allem hoffen, dass es dann auch ein guter Platz ist.

Die Plätze waren knapp geworden und wurden knapper, die Schlangen jedes Jahr ein Stück länger. Wer einmal drin war, gab nicht mehr her.

Ein Standplatz aber war fast immer zu haben. Mal stand jemand darauf, eine Woche später war er wieder leer. Keiner nahm ihn zweimal.

Der neben dem Fischhändler.

Man wurde ihn einfach nicht los. Dabei wäre die Lage gut gewesen: ganz am Anfang des Marktes, jeder musste dort vorbei.

Nur wollte niemand dort vorbei.

Fischgestank in der Luft, ab sechs Uhr morgens, wenn das Eis anfing zu schmelzen. Gedärme und Fisch auf dem Boden. Wer nicht ausdrücklich Fisch kaufen wollte, ging hier so schnell wie möglich durch.

Absolut keiner wollte diesen Platz.

Bis Birgit eines Tages beschloss, nicht auf die anderen zu hören, und ihn nahm.

Sie war nach Fulham nämlich nicht mehr die Alte.

Statt Tapeziertisch und zwei Körbchen kam sie mittlerweile mit einem Wagen, beladen mit Säcken: Curry, Tandoori, Chilimischungen, die karibischen Mischungen, das Bratkartoffelgewürz. Manchmal lief sie zwei-, drei-, viermal am Tag zwischen Stand und Laden hin und her und stockte auf, bis der Wagen keinen Zentimeter mehr hergab.

Beladener Marktkarren mit rotem Rahmen, darauf hunderte kleine Tüten und Körbe mit Gewürzen; dahinter steht Birgit Erath.
Nicht mehr zwei Körbchen – der Stand, voll bis auf den letzten Zentimeter.

Die Currys hatte sie sich erarbeitet wie alles andere: in den Corner Shops, bei den Cash-and-Carry-Läden, bei jedem, der ihr etwas erklären wollte – und das wollten viele. Sie fragte nach, was hineingehört und was nicht, und ließ sich sagen, was an den fertigen Mischungen taugte und was nicht. Keine Zusatzstoffe, keine Streckmittel, reine Zutaten, so wie es zu Hause gemacht wird.

Am Ende war es so nah dran, dass Leute aus genau den Ländern, aus denen diese Mischungen stammten, an ihrem Tisch stehen blieben, daran rochen und sagten, das schmecke nach zu Hause.

Sie hatte einfach eine Hand dafür. Wie eine dieser Großmütter, die nie etwas abmessen: schaufeln, schütten, riechen, probieren, nachlegen, von vorne – so lange, bis es stimmte. Das Abschmecken nach Gefühl hatte sie von zu Hause, von ihrer Mutter und ihrer Großmutter.

Das alles roch. Und sie wusste ganz genau, dass sie gegen den Fisch nicht verlieren würde.

Sie stanken sich gegenseitig aus.

Zwei Stände nebeneinander, jeder mit voller Kraft, und die halbe Straße wartete darauf, wer zuerst aufgeben würde.

Was dann passierte, hatte keiner von beiden erwartet.

Die Kombination funktionierte. Fisch und Gewürz, das harmonierte, das roch nicht nach Gestank, das roch nach etwas Gutem. Dazu die Straße, das Öl aus den Fish-and-Chips-Läden, die es damals gefühlt an jeder Ecke gab, der Rauch, der Fettgeruch von London an einem Samstagvormittag.

Zusammen ergab das den Geruch einer Küche. Nach etwas, das frisch mariniert in der Pfanne liegt. Nach Meer und Gewürz. Nach Abendessen.

Die Leute, die an dieser Ecke jahrelang die Luft angehalten hatten, blieben plötzlich stehen. Weil der Geruch sie nicht mehr vertrieb, sondern festhielt.

Sie kauften bei ihm den Fisch und bei ihr das Gewürz dazu.

Aus dem Platz, den niemand haben wollte, wurde eine der Ecken, für die man auf den Portobello Market ging.

Letztes AugustwochenendeDer Karneval

Einmal im Jahr gehörten diese Straßen nicht mehr dem Markt. Dann kam der Notting Hill Carnival. Zwei Tage lang Soundsystems an den Ecken, Trommeln, Kostüme, Federn – und Menschen aus der ganzen Welt, so viele, dass man den Asphalt nicht mehr sah.

Birgit Erath in gelber Schürze rührt beim Karneval in großen roten Bottichen; dahinter eine dichte Menschenmenge in der Straße.
Ende August: Sorrel und Punsch aus den großen roten Bottichen.

Birgit stand vor ihrem Laden, mit Schürze, hinter großen roten Bottichen. Darin: selbst gemachter Sorrel – das Hibiskusgetränk, das ihr die Frauen in Fulham beigebracht hatten – und Punsch, angesetzt in Mengen, die sonst kein Mensch braucht. Becher für Becher, den ganzen Tag, bis die Bottiche leer waren.

Was die Karibik ihr auf dem Markt beigebracht hatte, gab sie beim Karneval zurück: ein Stück Heimat im Becher, angesetzt mit den besten Zutaten, die zu dieser Zeit in London aufzutreiben waren. Es war ihr Dankeschön an die Karibik. Und an den Rest der Welt gleich mit.

Es waren jedes Jahr die besten Tage im Geschäft.

Sie machte tagein, tagaus Märkte, und im Laden stand abwechselnd jemand für sie. Mal eine Freundin, mal jemand aus der Nachbarschaft, mal jemand, den sie über den Markt kannte.

Philip war inzwischen fünf, sechs Jahre alt und kam mit. Er stand zwischen den Säcken, kannte die Leute an den Ständen links und rechts, wusste, bei wem es etwas geschenkt gab und bei wem man besser nichts anfasste. Ein waschechtes Marktkind. Er fühlte sich dort wohler als die meisten Erwachsenen.

Und um die beiden herum standen mittlerweile Leute, die zusammenhielten. Man passte auf den Stand des anderen auf, man lieh sich Wechselgeld, man half beim Abbauen, wenn es regnete. So lief das dort.

Birgit Erath war auf einem Weg, der nicht mehr zu bremsen war. Eine Frau, die als Deutsche nach London gezogen war, ohne Plan, ohne Geld, ohne Sprache. Und die jetzt einen eigenen Laden hatte, einen Platz auf einem der berühmtesten Märkte der Stadt und einen Namen, der etwas bedeutete.

Sie konnte ihrer karibischen und ihrer indischen Kundschaft über deren eigene Esskultur Dinge erzählen, die manche selbst nicht wussten. Nicht, weil sie klüger gewesen wäre. Sondern weil sie sich die Zeit genommen hatte, wirklich zu fragen – und dann auch noch zuzuhören.

Die Grenzen, die andere ihr gesetzt hatten, galten längst nicht mehr. In ihrem Kopf hatten sie nie gegolten.

Verstanden hat sie das erst viel später.

Fortsetzung folgt.